5. – 10. Schuljahr

Maren Hellermann

Die Welt ist bunt sprechen wir darüber

Zur Thematisierung von sexueller Vielfalt und Homophobie im Unterricht

Sexuelle/geschlechtliche Vielfalt wird in Schule und Unterricht häufig tabuisiert oder totgeschwiegen. Dabei gibt es vielfältige Möglichkeiten, Lesben/Schwulen/Bisexuellen/Transgendern/Intersexuellen/Queeren (LSBTIQ*) in Schule und Unterricht zu mehr akzeptierender Sichtbarkeit im Sinne eines demokratiepädagogischen Handelns zu verhelfen. Denn: Die Welt ist bunt.

Als ich vor einigen Jahren in den Schuldienst eintrat, nahm ich mir fest vor: Ich werde geradlinig zu meinen Schüler*innen sein, wenn sie mich fragen, mit wem ich denn verheiratet sei. Und dann war irgendwann, völlig ohne Vorwarnung, der Moment der Wahrheit da: „Meine siebte Klasse unserer Integrierten Gesamtschule mit inklusiver Beschulung in Frankfurt fragte mich, was mir denn mein Mann zum Geburtstag geschenkt hätte. Ich schluckte damals und sagte den Schüler*innen, dass ich nun in einer schwierigen Situation sei und abwägen müsse, ob die Wahrheit oder die Lüge besser sei. Die Schüler*innen guckten mich überrascht an und entschieden einstimmig: Frau Hellermann solle die Wahrheit sagen. Und das tat ich dann auch: „Mein Mann hat mir nichts zum Geburtstag geschenkt. Denn ich habe keinen Mann. Ich bin mit einer Frau verheiratet.
Da war es raus und ich dachte, dass der Himmel jetzt einstürzen würde. Die Kinder hingegen guckten sich und mich nur wortlos an. Es war mucksmäuschenstill in der Klasse. Und dann stand Hamza auf und fing an zu klatschen. Alisha und Alex folgten. Und irgendwann stand die ganze 7b vor mir und klatschte und eine*r rief: „Respekt für deinen Mut, Frau Hellermann. Und ich stand vor meinen Schüler*innen und war nur eins: dankbar und zu Tränen gerührt.
Die Kinder hatten natürlich Fragen. Und die erste Frage lautete: „Weiß unser Direktor, dass Sie lesbisch sind? Ich antwortete: „Ja, selbstverständlich. Warum fragt ihr das? Die Kinder erklärten mir dann, dass sie mir nicht schaden wollen und daher sicherstellen möchten, ob mein Lesbisch-Sein eine offizielle Information sei oder „heimlich bleiben soll.
Diskrepanz zwischen Wissen und Gefühl
Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Ganz einfach: Weil das Thema LSBTIQ* (Lesben/Schwule/Bisexuelle/Transgender/Intersexuelle/Queere) in der Schule immer noch ein großes Tabu ist: für Lehrer*innen, egal ob hetero- oder homosexuell, für Eltern, für Schüler*innen. Viele Lehrer*innen sprechen nicht über LSBTIQ* und Homophobie, weil sie Angst haben, mit dem Thema in Verbindung gebracht zu werden (vgl. Sielert/Timmermanns 2011, S. 29). Zwar sind Lehrer*innen, so Klocke (2012)1, der Meinung, dass sexuelle Vielfalt sich nicht auf Sexualität im Zusammenhang mit Fortpflanzung und Verhütung beschränken und daher nicht nur im Biologie-Unterricht, sondern auch in anderen Fächern thematisiert werden sollte. Tatsächlich jedoch findet dies in der Realität nur selten statt, obwohl es in fast allen Bundesländern inzwischen Bildungspläne zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt gibt, die alle Lehrer*innen in allen Fächern auffordert, u.a. LSBTIQ* im Unterricht auf der grundgesetzlichen Werteordnung als Selbstverständlichkeit zu thematisieren.
Dennoch werden LSBTIQ* und Homophobie in den Fächern Geschichte und Sozialkunde/Politik in den Jahrgängen 6 von nur 5% der Klassenlehrer*innen und von nur 3% der Fachlehrer*innen thematisiert. In den Jahrgängen 9/10 sprechen 13% der Klassenlehrer*innen und 6% der Fachlehrer*innen (Geschichte und Sozialkunde/Politik) über LSBTIQ* (vgl. Klocke 2012, S 50ff.)
Gleichzeitig sind jedoch homophobe Beschimpfungen auf Schulhöfen weit verbreitet: 40% der Berliner Sechstklässler*innen und 22% der Neunt- und Zehntklässler*innen verwenden das Wort „Lesbe als Schimpfwort. „Schwul oder „Schwuchtel wird von 68% der Berliner Sechstklässler*innen und von 54% der Neunt- und...

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