1. – 10. Schuljahr

Chris Kaletsch

Othering: Warum Zugehörigkeit so wichtig ist

Ziele und Gestaltungsmöglichkeiten

Schüler_innen zu helfen, zu einer guten Klassengemeinschaft zusammenzuwachsen, ist eine große Herausforderung. Dabei bemühen sich Klassenleitungen sicher redlich darum, allen Kindern und Jugendlichen gleichermaßen gerecht zu werden. Doch dies gelingt nicht immer selbstverständlich. Welche Rolle dabei gesellschaftliche Diskurse und tradierte Bilder spielen, zeigt dieser Beitrag: Es können kleine, subtile Gesten sein, durch die Menschen ausgegrenzt und zu Anderen gemacht werden. Die Mechanismen, durch die selbstverständliche Teilhabe in Frage gestellt wird, fußen auf unhinterfragten Homogenitätsvorstellungen. Sich diesen bewusst zu werden, ist ein erster wichtiger Schritt.

Gendergap
Gendergap
Gendergap ist ein Stilmittel, das auf das vielfach noch unhinterfragte binäre Geschlechterverhältnis hinweisen möchte. Es eröffnet einen Raum wahrzunehmen, dass Menschen nicht in das Frau-Mann-Schema passen müssen. Das durch den Unterstrich ausgelöste Stolpern im Lese- und Sprechfluss fordert dazu auf, Intersexualität, Transsexualität und Transgender als selbstverständlich zugehörig mitzudenken.
Darauf, dass sich Schüler_innen gleichermaßen selbstverständlich angenommen, gemeint und zum konstruktiv kritischen Mittun eingeladen fühlen, haben die sie begleitenden Pädagog_innen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Mit der Gestaltung des Lernraums können Lehrer_innen in Klassenleitungsrollen entscheidend dazu beitragen, dass eine gemeinsame Lernkultur entsteht, in der sich jeder in seiner Einzigartigkeit gesehen, gefördert und angenommen fühlt. Dabei ist es von zentraler Bedeutung Partizipationsräume zu schaffen, in denen eine ebenso gelassene wie auch klare Haltung gegenüber diskriminierendem, die Würde des Einzelnen verletzendem Geschehen bewusst vorgelebt wird. Dies entwickeln zu können, setzt eine fehlerfreundliche, diskriminierungskritische Auseinandersetzung voraus, die in wiederkehrenden, selbstreflexiven Prozessen zuvor Nicht-Wahrgenommenes, häufig auch Unsichtbar-Gemachtes zu erkennen hilft.
„wenn wir im kindergarten menschen mit dunkler haut malten, nahmen uns die erzieherinnen, , den stift aus der hand, und sie nahmen einen hellrosanen aus der buntstiftdose vor uns und sie legten ihn zwischen unsere finger, und ihre hände schlossen sich um sie, , diese farbe nennen wir hautfarbe, sie wiederholten es, diese farbe nennen wir hautfarbe, und wir sprachen es ihnen nach. (Varatharajah 2016, S. 94)
Dieses Beispiel aus dem Roman „Vor der Zunahme der Zeichen, in der der 1984 geborene, heute in Berlin lebende Schriftsteller Senthuran Varatharajah vielfältige Einblicke in Erfahrungen des Aufwachsens und Lebens in Deutschland gewährt, führt plastisch in die Mechanismen des Otherings (s. Kasten 1) ein. Wenn Menschen von (sich selbstverständlich zugehörig fühlenden) Menschen zu Anderen gemacht werden, spielen Fragen von Normalitätsvorstellungen, Zugehörigkeit, Ein- und Ausschluss eine zentrale Rolle. Die dabei entstehenden Verletzungen der Integrität und Würde der davon potenziell Betroffenen sind von den so Sprechenden und Agierenden nicht immer beabsichtigt. Viele Formen von Diskriminierungsgeschehen greifen auf unreflektierte rassistische Wissensbestände zurück. Sie wirken vielfach eher subtil und lassen sich für die so Handelnden, oder auch von den davon Betroffenen, nicht leicht bzw. eindeutig erkennen. Trotzdem oder vielmehr gerade deshalb ist es wichtig, sich den Mechanismen des Ein- und Ausschlusses durch Aussagen, Anregungen und Fragen (s.Kasten 2) bewusst zu werden, diese als problematisch zu erkennen und nach alternativen Wegen zu suchen. Denn das Gleichheitsprinzip und das Recht auf Nichtdiskriminierung werden dabei unabhängig von der Motivation der Agierenden verletzt.
1|Othering
1|Othering
Seinen Ursprung hat der Begriff des Othering im Kontext postkolonialer Theorie. Er wurde...

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