1. – 10. Schuljahr

Joel Friedrichs | Susanne Pietsch

Sara will nicht arbeiten

PRAXISBEISPIEL: Mein Fall
Ich habe vor kurzem Abitur gemacht und überlege, ob ich Lehrer werden möchte. Deshalb habe ich mich entschieden, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an einer integrierten Gesamtschule in Nordhessen zu machen. Dort bin ich einem Jahrgang 5 zugeordnet und kümmere mich um Kinder mit besonderem Förderbedarf. Ich erlebe viele Situationen, die mich beschäftigen und Fragen aufwerfen. Ein eindrückliches Erlebnis möchte ich hier schildern:
Anke (alle Namen wurden anonymisiert), eine Lehrerin aus dem 5. Jahrgang, kommt in den Teamraum: „Kennt jemand von euch eine Sara aus der 5C? Sie erzählt kurz: Sara eine Schülerin mit Anspruch auf sonderpädagogische Förderung im Bereich Lernen habe laut im Klassenraum rumgeschrien. Als sie das Mädchen angesprochen habe, sei diese, ohne darauf zu reagieren, aus dem Raum gelaufen.
Ich bin vier bis sechs Stunden wöchentlich in Saras Klasse und kümmere mich dann hauptsächlich um Sara. Deshalb übernehme ich es, nach ihr zu sehen. Sie sitzt auf dem Flur und weint. Als ich mich neben sie setze und frage, was los sei, reagiert Sara zunächst nicht. Nach einiger Zeit kommt Carina, die Förderschullehrerin des 5. Jahrgangs, dazu. Gemeinsam gelingt es uns, Sara halbwegs zu beruhigen. Sie erzählt uns: Leon, ein Mitschüler, habe sie beleidigt. Als sie rausgehen wollte, habe er die Tür zugeworfen, die dann gegen ihre Hand geschlagen sei.
Wer von den beiden Schuld am Streit hat, ist für mich offen, aber erst einmal geht es jetzt darum, Sara dazu zu bringen, wieder in die Klasse zu gehen. Sara weigert sich und ich fühle mich überfordert. Was soll ich tun? Wenn Sara erst einmal blockiert, ist sie für Argumente überhaupt nicht zugänglich. Mit gutem Zureden lässt Sara sich schließlich dazu bringen, doch noch in die Klasse zu gehen. Sie bekommt ein Kühlkissen für die Hand. In der Klasse fällt es Sara dann noch schwerer als sonst, sich zu konzentrieren. Mein Eindruck: Sie will auch gar nicht. Sie ignoriert die Lehrerin beim Unterrichten, macht die Aufgaben nur nach vielfachem Auffordern. Immer wieder stört sie die Klasse mit Geräuschen, die sie mit dem Mund produziert, obwohl ich sie zum Mitarbeiten zu bewegen versuche.
Dann leitet Astrid, die Fachlehrerin, eine Stillarbeitsphase ein: Die Klasse soll zur „Ruheklasse werden, das bedeutet: Die Kinder arbeitet fünf Minuten, komplett ohne zu reden. Eigentlich mag Sara diese Phase sehr, da sie sich dabei tatsächlich konzentrieren kann. In dieser Situation allerdings wird sie noch lauter und als ich sie darauf anspreche, dass sie die „Ruheklasse doch immer so gut fand, meint sie nur, dass sich das eben geändert habe. Schließlich stört sie mit Geräuschen so sehr, dass die Lehrerin keine andere Möglichkeit sieht, als Sara mit mir als Begleitung rauszuschicken, wo es auf der Jahrgangsfläche Tische zum Arbeiten gibt.
Sara wünscht sich, in ihrem speziellen Englisch-Arbeitsheft arbeiten zu dürfen, das extra für Kinder mit besonderem Förderbedarf entwickelt wurde. Ich biete ihr einen Kompromiss an: Wenn sie noch ein wenig an den Aufgaben, die die ganze Klasse gerade bearbeite, weitermache, dürfe sie anschließend in ihrem Arbeitsheft arbeiten. Sara wirkt nun nicht mehr „bockig, allerdings gelingt es ihr kaum noch, die regulären Aufgaben zu bearbeiten wir wechseln schnell zu ihrem Heft. Dort schafft sie zwar etwas, aber längst nicht so viel, wie sie eigentlich könnte. Meine Fragen an die Situation:
  • Will oder kann Sara nicht arbeiten? Hätte man ein effektives Lernen mit Sara noch ermöglichen können?
  • War das Herausnehmen der Schülerin aus der Klasse unumgänglich?
  • Wie hätte ich anders auf die Situation reagieren können?
So gesehen (M)eine Lesart
Der vorgestellte Fall ist ein Paradebeispiel für Situationen, in denen kontroverse Anliegen aufeinander treffen, diese nicht ausreichend thematisiert werden, in der Konsequenz zu Störungen führen und...

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