5. – 10. Schuljahr

Angela Khosla-Baryalei | Nikola Poitzmann

Ankommen und gemeinsam weitergehenDaZ-Klassen leiten, stärken und begleiten

Wenn junge Geflüchtete neu in Klassen dazukommen, haben sie schon eine ziemliche Wegstrecke hinter sich gebracht räumlich wie emotional. Damit das Ankommen gelingt, müssen gerade diese Klassen gestärkt und auf ihrem gemeinsamen Weg begleitet werden ebenso wie die Lehrkräfte selbst.

Die Klassentür öffnet sich. Mein Schüler Ali, mit 17 Jahren allein aus Afghanistan geflüchtet, kommt herein. Ich als Klassenlehrerin sage: „Du bist zu spät. Er antwortet: „Ich war mehrere Jahre unterwegs. Auf der Flucht. Da ist es nicht so leicht, irgendwo pünktlich anzukommen. Aber ich möchte lernen. Von diesem Augenblick an habe ich verstanden, dass mich sein permanentes Zuspätkommen zwar stört und betroffen macht, aber er mich damit nicht persönlich treffen will. Mit diesem Einblick in seine Lebensgeschichte kann ich sein Verhalten anders lernbiografisch einordnen. Wie gelingt es mir als Lehrkraft, mich mit den teilweise traumatisierten Schülerinnenpersönlichkeiten zu verknüpfen? Nicht immer reicht die gemeinsame Sprache aus, sich so klar zu vermitteln, wie Ali es getan hat.
Jeder bringt seine Geschichte mit
In eine Gemeinschaft zu finden, in gegenseitiger Wertschätzung, Wahrnehmung von Unterschiedlichkeit und der Bereitschaft, sich auf neue gemeinsame Wege einzulassen, ist für geflüchtete Kinder und Jugendliche oftmals ein noch weiterer Weg als für alle anderen.
Im Kontext von Flucht und zuvor schwerbelasteten Lern- und Lebensbedingungen in den Herkunfts- und Fluchtländern haben viele Schülerinnen und Schüler noch nie oder schon lange keinen Platz mehr in einer (Klassen-)Gemeinschaft gehabt, wo einander Achten, Respektieren, Fördern und Anerkennen zu ihrem Alltag selbstverständlich dazugehörte. Dieser war vielmehr häufig von Überlebenskämpfen, Verlusten und einer nicht altersgemäßen Verantwortungsübernahme geprägt. Während einige, aus einem strukturierten Schulsystem kommend, ihrer alten Klassengemeinschaft nachtrauern, haben andere Schule als einen Ort gewaltförmiger Bedrohung erlebt; für wieder andere ist unabhängig von ihrem Lebensalter die Aufnahme in eine Spracherwerbsklasse die erste Einschulung schlechthin und somit auch ihre erste Begegnung mit Klassenregeln. Für etliche ist schon allein der Auftrag, sechs Stunden am Stück in einem Klassenraum zu verbringen, eine kaum zu bewältigende Herausforderung.
Diese verschiedenen Ausgangslagen im Hinblick auf Zugangsvoraussetzungen, Motivation und Selbstwirksamkeit in Lernprozessen wird weiterhin durch zum Teil menschenunwürdige Lebenssituationen in den Unterkünften verstärkt. In sehr engen Räumen oft ohne eigenes Bett, ohne Platz für Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeit ist der häusliche Lernprozess erschwert. Die Unsicherheit der eigenen Bleibe- und Zukunftsperspektive und die nach der Flucht weiterbestehende Sorge wegen der Geschehnisse im Herkunftsland, aber auch fremdenfeindliche Erfahrungen am neuen Lebensort Deutschland wirken belastend. Zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern in schwierigen Lebenssituationen findet sich in der Toolbox das Dokument „Mein Spickzettel.
Den Druck der prekären Lebensumstände tragen die Kinder und Jugendlichen auch in den Klassenraum. Und dieser Raum als mitunter einzig sicherer Ort hat für sie eine existenzielle Bedeutung. Schule ist nicht nur Ort von Unterricht, sondern für viele der (einzige) Ort der Gespräche, des Spiels, des Feierns, der Begegnung und des Angenommenwerdens. Der Beziehung zur Lehrkraft kommt aufgrund des vielfach fehlenden familiären Rückhalts eine besondere Bedeutung zu. Die Belastungen von Flucht und Asyl führen nicht zwangsläufig zu Traumata, aber die Schülerinnen und Schüler bringen alle ihre spezifischen Erfahrungen mit und die Lehrkraft steht vor der Aufgabe, diese auszuhalten und zugleich Raum zu schaffen für Entwicklung und Selbstwirksamkeit.
Wie kann ich...

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