1. – 10. Schuljahr

Frank Schulze

Gemeinsam unterschiedlich wachsen

Systematische sozial-emotionale Persönlichkeitsentwicklung durch Zielearbeit

Es ist gar nicht so einfach, allgemeine Ziele für eine heterogene Klasse zu formulieren: Jeder und jede bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit, die sich je unterschiedlich in der Klassenkonstellation auswirken. Um Ziele wirksam erreichen und umsetzen zu können, ist es u.a. notwendig, dass die Klasse lernt, sich sowohl positiv als auch realistisch einzuschätzen und so Selbstvertrauen als Gruppe entwickeln kann.

Es gibt Tage, da bleibt der Unterricht in der heterogenen Lerngruppe für mich ein Stück weit „terra incognita. Obwohl alles dafür spricht, dass es heute in der 5b richtig gut laufen müsste, schießt doch jemand quer und schon verändert sich die sorgfältig vorbereitete Stunde des zuversichtlichen Lehrers mit differenziertem Arbeitsmaterial in der Tasche durch eine unvorhergesehene, krisenhafte Situation. Ich kann das mittlerweile aushalten. Wenn man eine „Pädagogik der Vielfalt lebt, entstehen wegen der Komplexität so viele Aktionsfelder, dass es mitunter turbulent und auch erschöpfend im Klassenraum zugehen kann. Geduld und Gelassenheit! Und dazu gehört die Haltung des Lehrers/der Lehrerin, dass Krisen Lernchancen sind, ebenso wie die als selbstwirksam erlebten Momente in der Lerngruppe. Und vor allem Letztere kann es so viele geben, wenn man nicht nur die Lernziele seines Fachunterrichts verfolgt, sondern seinen professionellen Umgang mit Kindern und Jugendlichen im Klassenraum auch als Erziehungsauftrag wahrnimmt. Dann geht es nicht nur um den Erwerb der kognitiven Fähigkeiten, sondern dazu gleichberechtigt um die Entfaltung sozial-emotionaler Entwicklung.
Regeln sind etwas anderes als Ziele
Unterricht schließt für mich ausdrücklich die Möglichkeit zum systematischen und aktiven Erwerb persönlichkeitsbildender Kompetenzen aller Beteiligten mit ein. Dazu werden gern Klassenregeln mit den Kindern besprochen und von allen unterschrieben. Auf einem entsprechenden Plakat an der Wand liest man dann, wie miteinander umgegangen werden soll. Vielleicht kann das dazu beitragen, die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten, unter der Voraussetzung, dass die verinnerlichten Regeln mit einer sinnvollen Impulskontrolle einhergehen. Allerdings: Wo klappt das denn? Es ist nicht so einfach mit den Regeln im Klassenraum: Werden sie tatsächlich befolgt, passiert normalerweise nichts. Gibt es hingegen einen Verstoß, muss auf jeden Fall reagiert werden. Der pädagogische Handlungsspielraum ist also gering. Das Problem von Regeln besteht darin, dass sie allgemein formuliert sein müssen, sonst könnten sie nicht für die verschiedensten Menschen in unterschiedlichen Situationen gelten. Und genau deswegen können sie im heterogenen Setting auch längst nicht immer eingehalten werden, weil sie einen Status quo bestimmen, der ein bestimmtes sozial-emotionales Verhaltensrepertoire bereits voraussetzt. Das hieße, im achten Schuljahr von allen Jugendlichen zu erwarten, fehlerfrei schreiben zu können, ohne Rechtschreibübungen mit ihnen gemacht zu haben.
Auf welcher Grundlage lässt sich daher sozial-emotionale Entwicklung im Klassenraum professionell gestalten?1 Vor allem dann, wenn die Ausgangslage so unterschiedlich ist? Für die Lehrperson einer „ganz normalen Klassengruppe heißt das zu Beginn, erst einmal genau hinzuschauen: Wie viele Geburtsjahrgänge gibt es in meiner Klasse? Welche Kinder sprechen Deutsch als Muttersprache, welche nicht? Wer hat einen eher sozial schwachen Hintergrund? Welche Lernzugänge haben die Kinder, welche Interessen zeigen sie mir? Welche Rolle spielt das Handy? Wer wirkt müde? Wer zieht sich zurück? Wo erkenne ich im Verhalten positive Vorbilder? Aber auch: Wer hat Schwierigkeiten, sich zurückzuhalten? Wer fängt nicht an, zu arbeiten? Gibt es Verhaltensweisen, die man nicht klar deuten kann?
Die Handlungsperspektiven und die...

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