1. – 10. Schuljahr

Heike Damm-Pestel

Rituale: Stroh zu Gold

Das Positive an Ritualen nutzen und wandeln

Rituale können Halt geben: zu wissen, was kommt, bietet Sicherheit und kann die Basis für Vertrauen bilden. Innerhalb einer Klasse können verbindlich eingeführte Rituale, wie etwa Erzählkreise, den Rahmen schaffen, um von sich zu berichten, anderen Feedback zu geben oder Konflikte zu thematisieren.

Heutzutage werden an alle Lehrerinnen und Lehrer, vor allem aber an diejenigen, die eine Klasse leiten, sehr hohe, zum Teil sich widersprechende Anforderungen gestellt. Wir sollen uns inklusiv verhalten in einem separierenden System, sollen fördern und fordern, ohne zu enttäuschen und neben den fachlichen Kompetenzen auch eine Vielzahl überfachlicher Kompetenzen anlegen, die zum Teil in der Gesellschaft nicht mehr vorgelebt, vielleicht sogar als anachronistisch angesehen werden. Dies alles in Lerngruppen, die Lehrerinnen und Lehrer aufgrund ihrer Heterogenität und der vielen Aufträge und „Baustellen, die damit verbunden sind, an den Rand ihrer Kräfte und Ideen bringen können, vor allem dann, wenn sie das Gefühl haben, kaum Unterstützung zu erfahren und auf sich allein gestellt zu sein. Wie in dem Märchen vom Rumpelstilzchen sehen wir uns manchmal vor die Aufgabe gestellt, aus Stroh Gold zu spinnen. Das wird uns nicht gelingen; aber wir können in das Stroh hinein Nester bauen aus Zugehörigkeit, Identifikation, Sicherheit und Akzeptanz. Das empfohlene Lernsetting hierfür bieten Rituale und ritualisierte Arbeitsformen. Rituale entstehen durch Wiederholung. Durch sie wird vielschichtiges und mehrperspektivisches, implizites Wissen angelegt. Sie zeigen, „wie alles so läuft und welches Verhalten als das richtige angesehen wird. Daher ist es gut und hilfreich, sich alles, was wir im alltäglichen unterrichtlichen Handeln immer wiederholen und damit ritualisieren, von Zeit zu Zeit genauer zu betrachten und zu reflektieren. So können wir immer gezielter und bewusster langfristiges und nachhaltiges, soziales und auf eine gelingende Kommunikation angelegtes Lernen anregen und lenken. Rituale ermöglichen es uns einerseits, die Zugehörigkeit Einzelner zu einer Gruppe und damit das Zusammengehörigkeitsgefühl der ganzen Gruppe zu stärken, andererseits schaffen sie durch die Strukturierung und Rhythmisierung des Zusammen-Lebens- und -Wirkens auch überschaubare Räume, die zu Partizipation einladen und Unterschiedlichkeit bejahen können. Nicht zuletzt verschaffen sie uns die Möglichkeit, für Situationen, in denen einem manchmal die Worte fehlen oder die sogar peinlich sein könnten, weil man z.B. im Mittelpunkt steht (z.B. am Geburtstag), passende Handlungsabläufe und sprachliche Bausteine einzuüben, die sicher durch diese Situationen hindurchführen.
Morgenkreise
Morgenkreise müssen nicht lange dauern, sie können in fünf bis 15 Minuten durchgeführt werden. Sie finden jeden Tag statt. Bei sehr kurzer Dauer lohnt es sich nicht, in den Kreis zu kommen, aber im Allgemeinen ist er die passende Sozialform. Morgenkreise finden je nach Rhythmisierung des Schulvormittags entweder gleich zu Beginn des Unterrichts oder aber nach einem offenen Anfang/einer individuellen Lernzeit statt. Sie haben als erstes zum Ziel, alle zu begrüßen und willkommen zu heißen und ihnen gleichzeitig das Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln. Am schnellsten und leichtesten gelingt dies durch eine freundliche Begrüßungsformel und gemeinsames lustbetontes Tun im Sinne eines Warm-Ups. Ein beliebtes Lied oder Spielgedicht, das gemeinsam gesungen oder gesprochen wird, ruft sofort ein Gruppengefühl hervor. Es gibt Lieder, in denen alle Anwesenden namentlich begrüßt werden können. Aber auch schnelle Rhythmus- oder Klatschübungen, bei denen viel aufeinander geachtet oder miteinander kooperiert werden muss, gemeinsame...

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