1. – 13. Schuljahr

Beziehungsweise

Mit dem Herzen sehen
Ich schreibe diesen Artikel zu Beginn der Berliner Sommerferien. Ein außergewöhnliches Schuljahr liegt hinter uns, wir leben in einer Pandemie. Während die Zahl der weltweiten Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 durch die Decke schnellt, ist hier in Deutschland der erste große Schreck schon fast vorüber.
Aber wenig ist wirklich „normal. Meine Kinder waren fast vier Monaten bis auf Schul-„Mini-Meetings ununterbrochen zu Hause, bei mir sind wichtige Aufträge weggefallen, geliebte Ferienfreizeiten sind gestrichen worden und der gemeinsame Urlaub steht in den Sternen.
Zurzeit gehen wir davon aus, dass ab dem neuen Schuljahr Unterricht wieder im gewohnten Umfang stattfindet. Auch wenn das klappt vor Ihnen werden Schülerinnen und Schüler mit den unterschiedlichsten Erfahrungen sitzen.
Es gibt Kinder, für die die Corona-Zeit toll war: mehr Zeit mit den Eltern, weniger Stress, mehr Selbstbestimmung. Für andere war es nicht erholsam, sie wurden mit großen Herausforderungen konfrontiert, z.B.:
  • auf engem Raum und für lange Zeit mit erschöpften, überforderten oder ängstlichen Eltern zusammen sein;
  • wahrnehmen, dass etwas nicht stimmt, aber niemand redet drüber;
  • Streit zu Hause, auch um existenzielle Fragen;
  • lange Zeit kein oder kaum persönlicher Kontakt zu Gleichaltrigen;
  • „Oma und Opa können sterben, wenn du zu dicht an sie herangehst plötzlich eine Gefahr zu sein, ohne etwas dafür zu können, Angst, unabsichtlich etwas Schlimmes zu tun;
  • jüngere Geschwister betreuen oder andere Aufgaben übernehmen;
  • Eltern, die auf Aufgabenblätter starren und sich über die Schule aufregen, zwischen beiden vermitteln wollen;
  • in der Schule für nicht korrekt gemachte Aufgaben angezählt werden, auch wenn viel Aufwand darin steckt, Abwertung einstecken;
  • Verluste erleben, trauern: Zeit mit Freunden, Abschiedsrituale beim Übergang, geplante Ferienaktivitäten, manche haben Angehörige verloren.
Ich möchte Sie dazu anregen, den Ihnen anvertrauten Kindern vorurteilsfrei zu begegnen und sowohl Meinungen als auch Verhaltensweisen nicht zu bewerten und zu verurteilen. Es gibt immer einen Grund und der liegt fast nie in der Verantwortung der Kinder und Jugendlichen.
Schaffen Sie einen Raum für Akzeptanz und Begegnung, in dem alle willkommen sind so wie sie/er ist. Wenn Kinder persönliche Erlebnisse erzählen, die Ihnen befremdlich sind, würdigen Sie innerlich, dass sie es erzählen und sprechen Sie mit ruhiger Stimme darüber, was Sie anders sehen. Für Sie ist jetzt dieses oder jenes „richtig wer weiß, wie es in ein paar Monaten aussieht?
Aus meinen Beratungen weiß ich, dass viele erwachsene Menschen früher in der Schule beschämende Erlebnisse hatten, die giftig bis ins Heute wirken. Wenn Unbekümmertheit auf entsetztes Verurteilen durch Lehrkräfte trifft, kann das heftigste Schamgefühle auslösen und tief verletzen.
Verzichten Sie darauf, den Druck zu erhöhen oder mit Szenarien von desaströsen Abschlussprüfungen oder gar prekären Lebensläufen zu drohen.
Vielleicht fühlen Sie sich selbst unter Druck. Was brauchen Sie, um damit umzugehen? Gespräche? Sport? Geheimes oder offenes Nein-Sagen? Wenn Sie bewusst oder unbewusst den „Druck von oben an Schülerinnen und Schüler oder Eltern weitergeben oder sich von Angst leiten lassen, kann das Mutlosigkeit, Widerstand oder Verweigerung hervorrufen.
Seien Sie in Kontakt mit sich selbst, nehmen Sie sich Zeit, die letzten Monate zu reflektieren: Wie geht es Ihnen jetzt wirklich? Welche Erfahrungen haben Sie während der Corona-Zeit gemacht? Und wie ging es Ihnen damit? Worum sorgen Sie sich? Wie hat ihr eigenes psychisches Notfallsystem reagiert? Welche alten Überlebensstrategien waren plötzlich da?
Ich möchte Sie anregen, persönlich zu sein, den Schülerinnen und Schülern nicht im „Lehrerinnenkostüm zu begegnen, sondern als Sie selbst: „Ich trage die Maske ungern. Ich fühle mich damit oft beklemmt und unsicher. „Wenn ich das von dir höre, werde ich sauer....

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