5. – 10. Schuljahr

Regina Heil

Auswege finden alle beteiligen

Mobbing-Intervention nach dem No Blame Approach

In diesem konkreten Fallbeispiel beschreibt unsere Autorin, wie sie den Ansatz des No Blame Approachs zum ersten Mal für eine Mobbingsituation an ihrer Schule genutzt hat. Welche Reaktionen hat diese Methode bei den verschiedenen Beteiligten hervorgerufen und was konnte sie bewirken?

Den ersten Kontakt mit dem Ansatz des No Blame Approach (NBA) hatte ich in einer Sitzung unserer Steuergruppe Gewaltprävention/Mediation einer IGS in Frankfurt am Main. Der Grundgedanke des lösungsfokussierten Vorgehens überzeugte uns sofort und die Idee, auf Schuldzuweisungen verzichten zu können, begeisterte uns. Oft hatten wir beobachtet, wie schnell Schülerinnen und Schüler, die in einen heftigen Konflikt kamen, durch die verhängten Maßnahmen stigmatisiert wurden, keinen Weg aus ihrem problematischen Verhalten finden konnten und die Situation schließlich eskalierte.
Wir bestellten darum bei fairaend (vgl. Beitrag Beck/Blum) Materialien zum No Blame Approach, arbeiteten uns ein und nahmen an einer eintägigen Fortbildung teil. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen bekamen wir reichlich Gegenwind. Der Gedanke, dass die „Täterinnen und Täter keine Strafe bekommen sollen, konnten sie schwer aushalten. Dennoch begannen wir, die Methode zu erproben.
Etwas stimmt nicht das Bauchgefühl ernst nehmen
Mein erster Fall kam in meiner Funktion als Deutschlehrerin auf mich zu. In der 6 d fiel mir Christopher auf, der zwar immer aufmerksam den Unterricht verfolgte und gute Leistungen zeigte, aber auffällig ruhig war. Mündlich beteiligte er sich so gut wie gar nicht, sprach sehr leise, lachte eigentlich nie und war auch am Anfang der Stunde nicht Teil des bunten Miteinanders der anderen Schülerinnen und Schüler. Zunächst ordnete ich ihn als „stillen Schüler ein, der viel Ermutigung braucht.
Mit der Zeit veränderte sich Christophers Körpersprache immer mehr. Ich hatte den Eindruck, er versuche sich auf eine Art unsichtbar zu machen. Er betrat sehr zügig und leise den Klassenraum, ging direkt an seinen Platz und verließ ihn genauso wieder.
Richtig aufmerksam wurde ich erst, als wir eine Unterrichtsstunde im Medienraum hatten und alle Jungen gemeinsam zu verhindern versuchten, dass Christopher einen Sitzplatz fand. Wenn er sich setzen wollte, setzte sich ganz schnell ein anderer auf den von ihm ausgesuchten Stuhl. Für mich war diese Situation ein Ausdruck dafür, dass etwas nicht stimmte. Ich nahm Kontakt zur Klassenlehrerin auf, die bestätigen konnte, dass Christopher mit kaum einem seiner Mitschülerinnen und Mitschüler Kontakt hatte und dass er noch weniger sprach als früher. Schließlich fielen ihr auch einige heftige verbale Attacken einzelner Schülerinnen und Schüler gegen Christopher ein. In der gleichen Woche kamen drei Schülerinnen der Klasse zu mir und teilten mir ihre Sorge um ihren Mitschüler mit. Es ginge ihm nicht gut, das würden sie merken. Ich musste handeln.
Zunächst hatte ich Bedenken, ob ich die Richtige für eine Intervention in diesem Fall wäre oder ob ich meine Kollegin an die Schulsozialarbeit oder den Beratungslehrer verweisen sollte. In einem Gespräch mit der Klassenlehrerin, in dem ich ihr die Methode des No Blame Approach vorstellte, haben wir dann entschieden, die Maßnahme gemeinsam durchzuführen.
Schritt 1: Gespräch mit dem Mobbing-Betroffenen
In meinem Vorgehen habe ich mich an den Materialien von fairaend orientiert. Dementsprechend startete ich mit dem Gespräch mit dem Betroffenen. Christopher ist bereitwillig auf mein Gesprächsangebot eingegangen. Ihm war wichtig, dass es nach dem Unterricht stattfand, sodass die Klasse nichts davon mitbekam und er schien sehr beruhigt, als ich ihm absolute Vertraulichkeit zusicherte.
Auf meine Einleitung „Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit geht es dir nicht gut erwiderte er erst einmal: „Wieso? Ich habe ihm beschrieben, was ich wahrgenommen hatte. Es...

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