1. – 13. Schuljahr

Grenzen II: Eindruck machen

Wie können wir im Konfliktfall unsere Grenzen kraftvoll vertreten?
Eine typische Situation im Unterricht: Die Klasse soll an einem vorgegebenen Thema (still) arbeiten. Die Lehrerin beobachtet, dass Alex und Theo miteinander reden. Sie ärgert sich darüber und reagiert folgendermaßen:
„Alex und Theo müsst ihr denn schon wieder Blödsinn machen? Immer braucht ihr eine Extraermahnung könnt ihr nicht einmal selbstständig anfangen zu arbeiten? Wenn ihr nicht sofort still seid, dann kriegt ihr eine Strafarbeit.
Vielleicht hat die Lehrerin die beiden wirklich schon mehrfach an diesem Tag reden gehört vielleicht hatte sie einen sehr anstrengenden Vormittag und ihre Ungeduld ist darum verständlich trotzdem ist ihre Äußerung keine sinnvolle Intervention, sie verbessert weder die Arbeitsfähigkeit und Motivation der beiden Schüler noch die Atmosphäre in der Klasse.
Das ist sicher den meisten Lehrkräften in der Theorie völlig klar doch in der Praxis werden Schülerinnen und Schüler immer noch viel zu häufig beschimpft, abgewertet, beschämt wie in Studien von Annedore Prengel (2013) festgestellt wurde. Wie also kann diese Lehrerin anders reagieren?
Das Erste und Wichtigste ist wie in dem Beitrag in Heft 10 beschrieben , dass die Lehrerin bei sich bleibt beziehungsweise (!) zu sich kommt.
Einerseits auf der körperlichen Ebene, indem sie ihren Atem, ihren Körper und ihren Kontakt zum Boden wahrnimmt (vgl. die Übungen von Kristina Schramm in KLASSE LEITEN), also ihre Präsenz stärkt und sich beruhigt oder zumindest bewusst wahrnimmt, dass sie nicht ruhig ist.
Andererseits sollte sie auch auf der verbalen Ebene bei sich bleiben also „Ich-Botschaften (ich will …, mich stört …, ich will nicht …) formulieren statt Vorwürfe (du bist …) und verallgemeinernde Zuschreibungen (immer …, nicht einmal …). Schülerinnen und Schüler reagieren auf Du-Botschaften, also Vorwürfe und Zuschreibungen oft verärgert oder abwehrend. Das führt dann häufig zu fruchtlosen Diskussionen darüber, wer recht hat mit seiner Wahrnehmung. Solche Diskussionen lenken ab und die persönliche Grenze wird undeutlich, wenn sie mit Du-Botschaften und Vorwürfen vermischt wird. Außerdem fühlen sich Schülerinnen und Schüler dadurch oftmals ungerecht behandelt, was das Vertrauensverhältnis zwischen den Beteiligten natürlich belastet.
Kinder und Jugendliche, die häufig stören, aggressiv oder unruhig sind, sind meistens „außer sich. Pädagoginnen und Pädagogen vermuten dann oft, den Kindern und Jugendlichen würden in der Familie zu wenig Grenzen gesetzt und vermitteln das auch den Eltern häufig erfolglos  – in Elterngesprächen. Wenn sie nun diese Kinder in der Schule öfter tadeln, in der guten Absicht, dem Kind Grenzen zu setzen gleichzeitig aber mit ihrer Kritik dem Kind vermitteln: „Du bist komplett falsch! , werden die Kinder noch unruhiger, das innere chaotische Gefühl verstärkt sich dadurch, und es gelingt den Kindern noch weniger, zu sich und zur Ruhe zu kommen.
Als Orientierung ist es dann hilfreich, wenn der Erwachsene in seiner Mitte ist und gelassen, klar, freundlich und bestimmt reagieren kann. Das teilt sich vor allem auch in der Körpersprache/Präsenz mit, z.B. so:
„Alex und Theo habt ihr noch Fragen zu der Aufgabe? Wenn nicht, dann fangt jetzt an zu arbeiten!
Dabei ist es gut, Augenkontakt zu suchen und sich in die Nähe der Schüler zu bewegen. Also den Fokus auf das erwünschte Verhalten richten wohlwollend und entschlossen sagen, was man will.
Und wenn die beiden oder einer von beiden dann immer noch nicht arbeiten? Dann geht die Lehrkraft in die Nähe und fragt interessiert (nicht vorwurfsvoll!!) nach:
„Ich sehe, es fällt dir heute schwer, mit der Arbeit anzufangen was brauchst du, damit du anfangen kannst?
Auch wenn Theo nicht sagen kann, was er braucht, so ist es doch eine gute Erfahrung, dass sich seine Lehrerin für ihn interessiert (natürlich nur, wenn es echtes Interesse...

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