5. – 13. Schuljahr

Hitlergrüße in der „Schule ohne Rassismus

Praxisbeispiel: Mein Fall
In der fünften Klasse kam ich an eine neue Schule sie trägt den Titel „Schule ohne Rassismus Schule mit Courage. 14 von 30 Schülerinnen und Schülern meiner Klasse haben eine Migrationsbiografie, deshalb unterhielten wir uns auch über unsere Nationalitäten und Kulturen.
Ich antwortete meistens auf die Frage nach meiner Nationalität, dass ich Russe mit jüdischen Wurzeln sei. Rasch bemerkte ich, dass das ein großer Fehler war. Denn schon bald fingen einige meiner Mitschülerinnen und Mitschüler, sobald ich auftauchte, an, verschiedene Bemerkungen zu rufen von Schalom bis „Heil Hitler war alles dabei. Das allerdings war nur der Anfang. Ein Schüler meiner Klasse fing an, bei jeder Gelegenheit auf dem Schulhof zu rufen: „Schaut mal her! Der da ist ein Jude! Und er fügte hinzu, dass er glücklich sei, kein Jude zu sein.
In der Parallelklasse gab es Schülerinnen und Schüler mit radikal rechter Gesinnung. Leider machten sie meine schlimmsten Befürchtungen wahr. Fünf von ihnen kamen in einer Hofpause zu mir und sagten mit verstellter Hitler-Stimme Sachen wie „Alle Juden müssen vergast werden!. Dann stellten sie sich in einer Reihe auf und machten den Hitler-Gruß und riefen „Sieg Heil! und „Heil Hitler. Diese Vorfälle, sie dauerten eineinhalb Jahre, verursachten bei mir einen depressiven Zustand. Ich hatte das Gefühl, dass nichts mehr in meinem Leben schön war.
Meine Eltern wollte ich damit nicht belasten, deshalb habe ich ihnen nichts davon erzählt. Ich wollte alleine zurechtkommen und habe meinen Eltern, als sie dann doch von meiner Situation erfuhren, verboten einzugreifen.
Nach einiger Zeit habe ich mich meinem Klassenlehrer anvertraut. Seine Reaktion war: „Wir haben das Thema nächstes Jahr, dann fahren wir in eine Gedenkstätte, werden das thematisieren und alles klären.
Aaron, 15 Jahre; Name anonymisiert
(M)eine Lesart
Meine Kindheit und Jugend habe ich in Kiew verbracht. Die Klassen in meiner Schule wurden nach dem Alphabet benannt: 5a, 5b … ich war in der e. Das russische Wort für Jude/Jüdin beginnt mit dem Buchstaben „e (ewrej bzw. ewrejka). Mitschüler nutzten das „e und schrieben daneben mit Kreide antisemitische Äußerungen. Ich habe die Worte jeden Tag gesehen niemand hat es für nötig gehalten, sie abzuwischen. Deshalb kenne ich das Gefühl, wenn man absolut allein gelassen ist und nicht dazugehört.
Eine ähnliche Situation erlebt Aaron: Auf teils subtile, teils auch für alle sichtbare Weise wird er tagtäglich beleidigt, verletzt, ausgegrenzt, weil er Jude ist. Es dauert lange, bis er sich endlich seinem Klassenlehrer anvertraut. Die antisemitische Diskriminierung führt zu diesem Zeitpunkt bereits zu psychischen Problemen. Sein Lehrer jedoch verweigert das, was Aaron so dringend bräuchte: klar Position zu beziehen und sich an Aarons Seite zu stellen. Damit wird er seinen Aufgaben und Pflichten als Lehrer nicht gerecht.
Ich vermute, dass ein wesentlicher Grund für das Nicht-Eingreifen des Lehrers Unsicherheit ist: Wie kann er in dieser Situation angemessen handeln? Da verhält er sich lieber passiv und hofft auf den Gedenkstättenbesuch im nächsten Jahr. Damit verbunden ist oft die irreführende Vorstellung, dass man in eine Gedenkstätte fährt und anschließend sind alle Demokratinnen und Demokraten. Mein Eindruck ist, dass viele Lehrerinnen und Lehrer im Grunde nach diesem Prinzip handeln: Wir fahren in die Gedenkstätte, dann sind alle empört und alle sind abgeschreckt. Danach ist das Thema Antisemitismus für sie erledigt. Doch sie irren die Jugendlichen bekommen zwar oft einen Riesenschrecken, langfristig ändert sich an ihrer Einstellung jedoch nichts.
Was würde ich den Lehrkräften raten?
Es gibt keine Rezepte dafür, wie man gegen Antisemitismus vorgehen sollte. Das hängt von den Schülerinnen und Schülern ab, mit denen man zu tun hat. Aus meinen Erfahrungen, die ich in vielen Workshops mit Schulklassen und...

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