1. – 13. Schuljahr

Thomas Klaffke

Konflikte unter Lehrkräften

Ziele und Gestaltungsmöglichkeiten

Konflikte sind natürlich nicht beschränkt auf Schülerinnen und Schüler. Sie machen nicht Halt vor dem Lehrerzimmer …

Lehrer N. kommt zu Beginn der großen Pause ins Lehrerzimmer und blafft eine Kollegin an, die sich gerade ihren Kaffee eingeschenkt hat: „In deiner Klasse herrscht ja das reine Chaos! Du hast die ja überhaupt nicht im Griff!!
Mit solch einer Botschaft coram publico ist der Erholungswert der großen Pause vermutlich gleich null und im Lehrerzimmer entwickelt sich dicke Luft. Was ist passiert? Lehrer N. wollte mit seiner Klasse eine Mathearbeit schreiben, und seine Kollegin nebenan hatte einen Projekttag geplant, bei dem die Schülerinnen und Schüler munter und aktiv unterwegs waren.
Konflikte sind auch unter Lehrkräften und im pädagogischen Personal unvermeidbar. Die pädagogischen Vorstellungen sind oft unterschiedlich, es gibt Kämpfe um Ressourcen, um die Lastenverteilung, um die Rangordnung und vieles mehr. „Privilegien wie freie Tage oder Stundenpläne ohne Hohlstunden werden beargwöhnt, es gibt Egoismen von Personen oder auch ganzen Fachbereichen, es kommt zu Gruppenbildungen und Kämpfen um argumentative Lufthoheit. Georg E. Becker gibt dazu in seinem Standardwerk „Lehrer lösen Konflikte folgende Definition: „Als Konflikt wird () eine berufsfeldspezifische Auseinandersetzung, Belastung und/oder Schwierigkeit verstanden, die die betroffenen Personen emotional, kognitiv und/oder physisch beeinträchtigt. (Becker 1997, S.19, Hervorhebungen im Original)
Oft wird zwischen Konflikten auf der Sach-/Inhaltsebene und Konflikten auf der Beziehungsebene unterschieden (vgl. Seifert 2018, S.13), jedoch durchdringen sich meiner Erfahrung nach beide Ebenen, und das Problem besteht nicht darin, dass es Konflikte gibt, sondern darin, wie mit Konflikten umgegangen wird. Sie können nach dem Motto „problems are our friends auch als Chance zu Klärungen gesehen werden, und oft ist es besser, sie werden offen ausgesprochen als unter dem Deckel gehalten.
Um auf das eingangs angeführte Beispiel zurückzukommen, ist die Botschaft und die Art und Weise ihrer Übermittlung zwar unangenehm, aber immer noch besser als eine Kritik, die hinter dem Rücken der Kollegin ausgesprochen wird und dann eine Dynamik entfalten kann, die keine guten Lösungen mehr zulässt.
Grundlagen für Konfliktlösungen
Konflikten sollte man möglichst nicht ausweichen und schnelle Lösungen sind wünschenswert, die aber nur dann Bestand haben, wenn es solide Grundlagen dafür gibt. Achtsamkeit ist vielleicht derzeit ein inflationär gebrauchter Begriff, der auch Einzug in die Regenbogenpresse gehalten hat, der aber beim genauen Hinschauen gerade in Lehrerzimmern seine Bedeutung hat. Wir Lehrkräfte geraten durch ständiges Bewerten von Leistungen und Zensieren von Fehlern anderer leider nicht selten in eine professionelle Deformation, unter der auch die Zusammenarbeit zwischen den Fachleuten leiden kann, wenn Verhalten und Äußerungen anderer be- oder gar abgewertet werden, wenn andere in Schubladen gesteckt oder mit Labeln etikettiert statt in ihrem So-Sein angenommen werden. Achtsamkeit und Wertschätzung entstehen nicht von selbst, sondern nur dann, wenn es in Schulen klare ethische Grundlagen gibt.
Die Achtung der Menschenwürde muss meines Erachtens gerade angesichts der durch populistische, rechtsradikale und rassistische Strömungen entstandenen Ent-Zivilisierungsprozesse und angesichts menschenverachtender Haltungen in Massenmedien und Internet zu den Leitsätzen von Schulen gehören. Ich halte nichts von der Forderung, dass alle an einem Strang ziehen müssen, weil dies nur Konformitätsdruck schafft aber viel davon, einen pädagogischen Minimalkonsens zu suchen, der aber nicht auf dem Papier stehen bleiben darf, sondern Leitfaden für die tagtägliche Praxis werden sollte und den die Lehrpersonen beispielhaft verkörpern sollten.
Konstruktive...

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