1. – 13. Schuljahr

Michael Kreutzer | Martina Sobel | Andreas Voigtländer

Total digital? Digitalisierung heißt Pädagogik

Dieser Auftaktartikel der neuen Reihe „Digitalisierung in der Schule setzt sich mit den pädagogischen Gegebenheiten von Schule und den Voraussetzungen für den gelungenen Einsatz digitaler Medien auseinander. In Zeiten der aktuellen Krise sind die Fragen nach einer adäquaten Umsetzung von Digitalisierung umso dringender. Die kommenden Themen sind: Tools und Medien in der Unterrichtspraxis. Vernetzung in der Schule: Chancen und Grenzen. Digitalisierung: Wie kann Lehren und Lernen gelingen? Ein- und Ausblicke in den Schulalltag.

Digitalisierung im schulischen Kontext bedeutet nicht, dass fortan ausnahmslos alles (womöglich wahllos) technisiert wird. Im Gegenteil, es geht um die Entwicklung und den Einsatz eines pädagogischen Konzepts, das die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler wahrnimmt, sie auf ihre Zukunft vorbereitet und per se sicherlich auch gänzlich ohne digitale Medien auskommt. Technische Applikationen vereinfachen und bereichern jedoch bei der Realisierung der pädagogischen Ideen vieles an der ein oder anderen Stelle, sodass sich auch (und gerade) mit ausgeprägter Technikphobie und/oder gesunder Skepsis gegenüber der Digitalisierungswelle ein neugieriger Blick auf das lohnt, was Digitalisierung impliziert und bedeuten kann.
Begeistert betritt Herr Nova das Klassenzimmer: Er hatte letzte Woche eine interessante Fortbildung zum Thema „Digitales Lernen besucht. Nun kannte er sich aus mit Tools und Apps und dergleichen. Da seine Schülerinnen und Schüler ohnehin viel digital unterwegs sind, würde sein Unterricht durch die Technik sicherlich attraktiver für die Jugendlichen.
Herr Nova betritt also das Klassenzimmer, schaltet die interaktive Tafel ein, verbindet die Dokumentenkamera mit dem Beamer, fährt den Rechner hoch. Dieser spielt erst einmal zentral gesteuerte Updates ein. Anschließend öffnet Herr Nova den Browser und sucht die Website, mit der er einsteigen möchte. Minuten vergehen, die Schülerinnen und Schüler schauen zunächst verwundert zu, widmen sich dann aber wieder ihren Gesprächen und Handys, als sie merken, dass das Ganze noch ein wenig dauern wird. Der Lehrer wird zunehmend nervös, ist aber optimistisch, dass sich die Unruhe bald legen werde, sobald er erst einmal mit dem digitalen Meinungsbarometer eingestiegen wäre, die Mindmap am Smartboard erstellt hätte und die Schülerinnen und Schüler dann den Rechercheauftrag mit ihren Smartphones durchführten, um schließlich die Ergebnisse in digital animierten Präsentationen vorzustellen.
Nach 45 Minuten verlässt Herr Nova den Raum, mit hochrotem Kopf, nahezu schweißgebadet, mit den Nerven runter. Was ist passiert?
Offensichtlich ist Herrn Novas Konzept nicht aufgegangen: Der Unterricht begann aufgrund der technischen Installationen zehn Minuten später als geplant. Zunächst waren die Schülerinnen und Schüler eifrig dabei, die digitale Umfrage zu bearbeiten. Diejenigen, die kein Smartphone besaßen, es vergessen hatten oder es nicht aufgeladen hatten, teilten sich ein Gerät mit anderen. Das dauerte zwar wiederum einige Minuten, der Lärmpegel stieg bei den Nichtbeschäftigten, doch das Ergebnis war beeindruckend: Sofort erschien auf der Tafel ein Diagramm, das die Abstimmung visualisierte. Alle staunten, Herr Nova lächelte.
Dann ging es weiter mit der digitalen Mindmap. Da mehrere Tablets und Laptops in der Reparatur waren, wurden die übrigen erst gar nicht ausgeteilt. Die Schülerinnen und Schüler sollten die vorab angelegte Grafik einfach mithilfe ihres Smartphones ausfüllen. Das dauerte natürlich ziemlich lange, nicht alle hatten etwas zu tun, und manche gaben auf, weil es mühsam ist, mit einer kleinen Tastatur und handgroßem Display große Ideen einzugeben. So brachte die visuell ansprechend gestaltete Mindmap leider nicht den inhaltlichen Output, den sich Herr Nova erhofft hatte.
Das vorherige Umfrageergebnis...

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