1. – 10. Schuljahr

Nele Schubert

Das Unerwartete tun

Im Konfliktfall umdenken

Wenn Kinder und Jugendliche zum wiederholten Male und immer wieder stören, setzt sich oftmals in der Beziehung zwischen Lernendem und Lehrendem ein eingefahrenes Muster in Gang beiden Seiten nur allzu bekannt. Da herauszutreten, kann möglich werden, wenn man sich vorab bewusst entscheidet, der Situation neu zu begegnen das Unerwartete zu tun.

„Paul hat sich heute wieder unmöglich benommen. Der macht nur, was er will und ruft jetzt auch noch absolute Respektlosigkeiten in die Klasse rein. Ich muss ständig den Unterricht unterbrechen, komme nicht voran! Mein Kollege ist entrüstet.
Paul ist Schüler meiner zweiten Klasse, er fällt besonders auf durch starke Ablenkbarkeit und stark provozierend wirkendes Verhalten. Mehrere Kolleginnen und Kollegen kommen in den letzten Tagen auf mich zu und beschweren sich geradezu wütend: „Das geht gar nicht!
Zunehmend erlebe ich Ärger, das Gefühl von Hilflosigkeit bei Lehrkräften, die mit Paul zu tun haben. Einige von ihnen haben es mit ganz klaren Ansagen und Strafen probiert. Kurzfristig hilft das manchmal, meistens nicht, Paul reagiert dann i.d.R. mit Verweigerungsverhalten oder setzt sein (störendes) Verhalten nach kurzer Pause fort. „Mach das doch!, sagt er oder „Mir doch egal! Ein Kräftemessen um die „Macht beginnt, was weder Lehrkraft noch Kind gut vertragen können. Die Reaktion des Kindes wird vermutlich sein, sich nicht unterdrücken zu lassen durch neue „Respektlosigkeiten, Störungen, ggf. (seelische) Verletzungen. Ein Kreislauf nimmt seinen Gang anstrengend für die Lehrkräfte, entmutigend für das Kind. Ja, so geht es tatsächlich nicht. Aber was geht?
Die Störung ist nur die Wirkung
Zwar ist es zunächst eine große Herausforderung für betroffene Kolleginnen und Kollegen, aber es lohnt den Versuch: Möglichst unaufgeregt bleiben und pädagogisch bzw. psychologisch zu verstehen versuchen, was sich hinter dem störenden Verhalten eines Kindes und seinen Worten wie „Mir doch egal! verbergen mag. Fast immer ist es Kindern wie Paul nicht egal, wenn sie merken, dass ihre Bezugspersonen ärgerlich mit ihnen sind, wenn sie das Gefühl haben, sich nicht sinnvoll in ihrer Gruppe einbringen zu können, wenn sie sich nicht „gut gesehen fühlen. Kinder möchten sich zugehörig fühlen. Sie möchten sich konstruktiv einbringen, nicht destruktiv. Kinder, die sich so verhalten, dass ihre Umgebung dies als störend empfindet, haben oft über einen längeren Zeitraum die Erfahrung gemacht: (Nur) auf diese Weise erhalte ich die Aufmerksamkeit, nach der ich mich sehne. Das ist ein Lernprozess, deshalb muss ein Kind wie Paul mühsam umlernen.
Deshalb lautet die entscheidende Frage: Was kann ich tun, um einem derart entmutigten Kind wie Paul zu helfen, sein störendes Verhalten zu beenden und kooperatives Verhalten (neu) zu lernen? Wenn ein Kind sich störend und mit respektlos wirkenden Äußerungen verhält, kann das ein Zeichen dafür sein, dass es als kräftig, stark und bedeutsam gesehen werden möchte und sich aktuell so nicht fühlt bzw. nicht gesehen fühlt. Die individualpsychologisch orientierte Pädagogik (Alfred Adler, Rudolf Dreikurs) vermag hilfreiche pädagogische Überlegungen und ein sinnvolles Prinzip pädagogischen Handelns in Konfliktsituationen zu vermitteln: das Prinzip „Das Unterwartete tun (s. Kasten).
Das Prinzip „Das Unerwartete tun
Das Prinzip „Das Unerwartete tun
  • Unaufgeregt bleiben und verstehen, was sich hinter dem störenden Verhalten eines Kindes verbergen könnte.
  • Das „Fehlverhalten als Ausdruck des Bedürfnisses der Zugehörigkeit sehen.
  • Situativ zwei Handlungsalternativen nennen, innerhalb derer das Kind selbst entscheidet; auf die Einhaltung von Konsequenzen achten.
  • Zeitversetzt dem Kind Möglichkeiten anbieten, sich konstruktiv bzw. kooperativ mit seinem Verhalten in die Klasse einzubringen.
  • Mit dem Kind gemeinsam reflektieren, was ihm an Verhaltensänderung gelungen ist und...

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