1. – 6. Schuljahr

Birte Friedrichs

Der ganz normale Schulalltag: Konflikte zwischen Sechstklässlern

PRAXISBEISPIEL

Die Kinder meiner 6. Klasse arbeiten in Kleingruppen an der kreativen Gestaltung einer Jesusgeschichte. Ich bespreche mit einigen Kindern etwas vor der Tür, da holt mich ein aufgeregter Schüler: Felix und Lars kloppen sich! Ich gehe zu den beiden ineinander „verhakten Jungen und versuche, sie zu trennen. Erfolgreich. Beide reden auf mich ein, Felix zeigt sich „cool und überlegen, bei Lars fließen Tränen.
Vor so vielen Zuschauern, die am liebsten alle ihre Sicht der Dinge einbringen wollen, scheint mir ein konstruktives Gespräch kaum möglich, also schlage ich den beiden Jungen vor, dass wir uns vor der Tür weiter unterhalten.
Auf dem Flur gehen die gegenseitigen Vorwürfe weiter Felix kritisiert, Lars halte ihn immer fest und höre auch dann nicht auf, wenn er „Stopp sage, Lars findet, Felix müsse ihn dennoch nicht gleich in den Bauch boxen, außerdem sei es doch gar nicht schlimm, wenn man jemanden im Spaß festhalte. Inzwischen haben beide feuchte Augen.
Mir geht durch den Kopf: Wir sind in der Falle der Schuldfrage. Zu erwarten ist, dass die Jungen nun, zunehmend kontrovers, diskutieren: Wann hat Lars seinen Mitschüler wie stark und wie lange festgehalten? Aus Spaß oder Ernst? Spielt das überhaupt eine Rolle, wenn Felix sich beengt fühlt? Und andererseits: Ist es zulässig, jemanden in den Bauch zu boxen, nur weil dieser einen festhält? Wie stark hat Felix geboxt ...? Nach meiner Erfahrung können sich Kinder in solchen Diskussionen geradezu verbal ineinander verhaken. Was derweil im Klassenzimmer vor sich geht, will ich lieber gar nicht wissen.
Deshalb interveniere ich und frage: Hat Lars verstanden, dass Felix es nicht mag, wenn er ihn umklammert? Hat Felix begriffen, dass Lars es nicht böse meint, wenn er ihn festhält? Beide bejahen. Gut, das wäre geklärt. Damit ist der Blick in die Zukunft offen.
Im Laufe des nun folgenden Gesprächs wird mir deutlich: Lars, der erst seit Kurzem in der Klasse ist, sucht die körperliche Nähe, weil er gern in freundschaftlichen Kontakt mit Felix kommen möchte. Nachmittags chatten sie manchmal mit einigen anderen Jungs aus der Klasse und spielen online Computerspiele zusammen, allerdings wird Lars dabei mitunter durch Felix ausgelacht. Im Gespräch gelingt es, Felix verständlich zu machen, dass das gemeinsame Chatten dem Mitschüler viel bedeutet und dass manche Bemerkung seinerseits verletzend für Lars ist. Oberstes Prinzip für mich ist nun: Keine Vorwürfe machen, sondern den guten Willen aufseiten meiner 11-jährigen Schüler voraussetzen, ihnen diesen einfach unterstellen. Es wird euch gelingen, in Zukunft besser miteinander auszukommen! Self-fullfilling prophecy, die sich selbst erfüllende Prophezeihung, wirkt offensichtlich auch in konstruktiver Richtung.
Mitten in das Konfliktgespräch hinein öffnet sich die Klassenzimmertür und einige Mädchen meiner 6. Klasse kommen aufgeregt an: „Milena weint! Ich bitte die Schülerinnen, sich kurz um Milena zu kümmern. Ich werde kommen, sobald ich das Gespräch mit den beiden Jungen beendet habe. Damit schicke ich die Mädchen zurück in den Klassenraum. Mir ist wichtig, dass das Konfliktgespräch zwischen Felix und Lars in einem geschützten Raum ohne Zuhörer stattfinden kann.
Die Probleme zwischen Lars und Felix sind recht schnell geklärt, beide Jungen verstehen nun besser, warum der andere so handelt. Sie vertragen sich wieder und versprechen: Lars will Felix in Zukunft nicht mehr festhalten, wenn der es nicht möchte, und Felix wird Lars mitspielen lassen, ohne ihn durch verletzende Bemerkungen zu kränken.
Nun kann ich zurückgehen in den Klassenraum und mich Milena zuwenden. Sie arbeitet eigentlich in dieser Stunde mit Lars zusammen, sagt nun aber, sie habe Angst vor Lars. Er sei so aggressiv. Ich schlage ihr vor, dies direkt mit Lars zu besprechen. Dann gehe ich zu Lars, erläutere ihm knapp, worum es geht, und frage:...

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