1. – 10. Schuljahr

Kristian Seewald

Wenn alle kooperieren

Systematische Prävention geht vor Intervention

In den verschiedensten Bereichen erlebt man immer wieder: Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, ändert sich etwas. Dass Prävention eigentlich immer die bessere Alternative ist, ist meist unstrittig, aber erfordert durchaus Anstrengung und den Willen, Dinge gemeinsam zu ändern als Team.

Unterrichtsstörungen gehören zu den Dingen, die Lehrkräfte am stärksten im Schulalltag belasten. Weil Sie so häufig in der Stunde auftauchen. Weil sie sich erfahrungsgemäß nicht gänzlich abstellen lassen (was grundsätzlich keinesfalls als Versagen der Lehrkraft zu deuten ist). Und weil ihre Beseitigung ebenso erfahrungsgemäß viel Kraft kosten kann, insbesondere, wenn sich in größeren Klassen gern in der letzten Stunde der Woche situativ eine lawinenartige Störungsdynamik entwickelt. Nicht selten heißt es dann: Einer gegen alle. Oder umgekehrt, je nach Perspektive. Um es mit Lohmann (2011) auf den Punkt zu bringen: Störungsfreier Unterricht ist eine didaktische Fiktion! Störungsfreierer Unterricht hingegen nicht. Wenn man entschlossen vorgeht. Und systematisch und präventiv. Denn: „Das Ausmaß von Unterrichtsstörungen hängt entscheidend vom Lehrerverhalten ab. Nicht so wichtig ist dabei die Art des Umgangs mit eingetretenen Störungen, sondern eine Klassenführung, die Störungen präventiv entgegen wirkt. Wie diese aussehen sollte, ist zwar in der Forschung seit Langem bekannt, kaum hingegen so zeigt ein Umfrage in der Lehrerschaft, stellt Hans-Peter Nolting fest, der ein Standardwerk zu diesem Thema verfasst hat (Nolting 2017, S. 59).
Was gegen Unterrichtsstörungen präventiv hilft
Präventiv wirkende Maßnahmen kann man in mehrere Kategorien unterteilen: die Beziehungsebene, die Unterrichtsebene und die Disziplinmanagementebene.
Die Beziehungsebene
Zur Beziehungsebene zählt die Art, wie Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen und Schülern kommunizieren, wie sie sie mit unterschiedlichen Stilen führen, in welcher Weise Lehrkräfte bereit sind, mit Schülerinnen und Schülern in Beziehung zu treten, sie wahrzunehmen, sich für sie zu interessieren. Hier innerhalb eines Klassenkollegiums bzw. -teams (zum Teambegriff später mehr) Einigkeit und Handlungskonsistenz zu schaffen, ist nicht immer leicht, wenn die Ansichten der agierenden Kolleginnen und Kollegen sehr verschieden sind.
Die Unterrichtsebene
Ähnliches gilt für die Unterrichtsebene, zu der neben den Lernumgebungen, die meist schon durch die Ausstattung der jeweiligen Schule vorgegeben sind, auch das Bemühen gehört, die Kooperation der Schülerinnen und Schüler zu gewinnen, sowie auch die angewandte Methodik. Auch hier gilt: Alle unter einen Hut zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Während Kollege X seinen geliebten Frontalunterricht bevorzugt, schwört Kollegin Y auf produktions- und handlungsorientierte Verfahren mit kooperativem Schwerpunkt. Dass im letzteren Fall eine differenziertere Unterrichtsführung notwendig ist, die alle „Akteure im Auge haben muss, erklärt sich beinahe von selbst.
Das Disziplinmanagement
Bleibt das präventive Disziplinmanagement, das Rechte und Pflichten der Schülerinnen und Schüler, Regeln, Routinen und Abläufe in den Fokus stellt. Hier scheint am ehestens ein präventiver Ansatz für Klassenkollegien bzw. -teams zu liegen. So hat Nolting (2017) in seinem Standardwerk zum Umgang mit Unterrichtsstörungen empirische Befunde ausgewertet und Kolleginnen und Kollegen gefragt, was gegen Unterrichtsstörungen hilft. Sein Fazit: Die empirischen Befunde sind deutlich aber offensichtlich noch nicht in allen Klassenzimmern angekommen. Hilfreich ist demnach u.a.:
  • Regeln aufstellen und durchsetzen
  • Schülerinnen und Schüler nonverbal beeinflussen
  • Den Unterrichtsfluss aufrechterhalten
Was kommt jetzt Neues, fragen Sie sich vielleicht? Regeln? Haben wir! Schließlich klebt doch in nahezu jeder Klasse ein Plakat gleich rechts neben der Tür....

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