5. – 10. Schuljahr

Fritz Böhler | Susanne Pietsch

Vom Umgang mit den Dingen und dem Umgang miteinander

PRAXISBEISPIEL :Mein Fall
Herr Böhler, der derzeit seinen Vorbereitungsdienst (LiV) absolviert, erzählt mir folgende Hospitationserfahrung in einer Mittelstufenklasse an seiner Einsatzschule:
Heute Morgen wurden die Schülerinnen und Schüler nach der Begrüßung von der Fachlehrerin aufgefordert, ihre Materialien für den Unterricht auf den Tisch zu legen. Am ersten Tisch vor der Tafel hat die Lehrerin das nicht eingeschlagene Buch von Emre in die Hand genommen und laut gefragt: „Na, wie lange willst du noch das Schuleigentum beschädigen!? Betreten schaute Emre zur Seite. Achtlos ließ die Lehrerin das Buch wieder auf den Tisch fallen und ging weiter durch den Mittelgang. „Und wo ist die Literaturmappe?, fragte sie Martin an einem der nächsten Tische. Diese Mappe sollten sich die Schülerinnen und Schüler neu anschaffen, um literarische Themen separat vom übrigen Unterrichtsmaterial abzuheften. Auf die Antwort des Schülers, er habe sie vergessen, entgegnete die Lehrerin: „Ja, dass du die nicht hast, wusste ich. Ich hab mich informiert: Du hast deine Sachen nie dabei!„Ich war entsetzt, erklärte der Kollege, „ich wusste gar nicht, was ich tun sollte. Ich hatte das Gefühl, dass die Schülerinnen und Schüler häufig auf diese Weise angesprochen werden, sie reagierten nach meinem Eindruck resigniert. Ich hätte ihnen gern irgendein Unterstützungsangebot gemacht, als Hospitant aber sah ich mich dazu nicht befugt. Ich fühlte mich äußerst unwohl, da die Kollegin in mir einen Verbündeten zu sehen schien.
Die Materialkontrolle sei dann nicht fortgeführt worden, obwohl auch auf anderen Tischen Bücher gelegen hätten, die nicht eingeschlagen waren. Die Lehrkraft habe einfach inhaltlich mit dem Unterricht begonnen.
„Schrecklich!, endet der Kollege. „Ich weiß gar nicht, wie man so mit seinen Schülerinnen und Schülern umgehen kann und warum. Gibt es keine anderen Möglichkeiten der Kontrolle? Und ich weiß nicht, was ich in dieser Situation hätte tun können und schon gar nicht weiß ich, wie ich mich in zukünftigen Hospitationen verhalten soll. Für einen Moment verharren wir gemeinsam in der Sprachlosigkeit.1
So gesehen (M)eine Lesart
Um Geschehenes zu verstehen, bedarf es der Berücksichtigung der Vorgeschichte(n), denn Verhalten erfolgt immer situationsspezifisch in Wechselwirkung mit den Co-Akteuren und zugleich als Folge von Vorangegangenem. Der dargestellte Fall aber gibt keine Anhaltspunkte über die momentane Befindlichkeit der Lehrerin, dem unmittelbar zuvor Geschehenen und auch nicht über ihre Beziehung insbesondere zu den von ihr angesprochenen Schülern. Die beschriebene Sequenz muss somit als eine Lupenstelle des dichten Alltags von Schule betrachtet werden und die abgeleiteten Deutungen als Annäherungsprozess, um sie zu verstehen und daraus mögliche Handlungsoptionen zu entwickeln.
In der beschriebenen Situation geht es um eine interaktive Ausgestaltung einer schulischen Kontrollsituation, die auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden kann: auf der des Umgangs mit Gegenständen, hier mit Schuleigentum, auf der Ebene des Umgangs mit Schülerinnen und Schülern und auf der des Umgangs mit einem in Ausbildung befindlichen Kollegen.
Die Situation ist keine alltägliche, denn es handelt sich um eine Unterrichtsstunde, in der ein Hospitant anwesend ist und passiv teilnehmend beobachtet.
Situationsgestaltung über Machtdemonstration
In diesem Fall verhandelt die Lehrkraft weder die Situation der Buchkontrolle sachlich, noch verhält sie sich den Schülerinnen und Schülern gegenüber zugewandt und interessiert. Die Gründe, warum die angesprochenen Schüler die Aufgabe nicht erfüllt haben, werden von ihr nicht abgefragt Stattdessen gestaltet sie die Lehrer-Schüler-Beziehung asymmetrisch und demonstriert ihnen und zwar allen durch zwei scheinbar wahllose Rügen ihre institutionalisierte Macht bewusst und direkt....

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