9. – 11. Schuljahr

Angelika Deinhardt

„Wir möchten nur noch solchen Unterricht!

Schülerinnen und Schüler übernehmen den Deutschunterricht

Eine schwierige Ausgangslage bringt manchmal die besten Ergebnisse hervor, weil man versuchen muss, abseits von gewohnten Wegen Lösungen zu finden. Diese Erfahrung haben auch Schülerinnen und Schüler einer 10. Gymnasialklasse gemacht. Aufgefordert, eigenen Unterricht zu entwickeln, haben sie nicht nur erlebt, welche intensive Vorbereitung guter Unterricht erfordert, sondern auch, was sie selbst zu leisten imstande sind.

Seit vielen Jahren führe ich mit Klassen des 9. bis 11. Jahrgangs Projekte über 15 bzw. zehn Wochen durch, in deren Rahmen Schülergruppen eigenständig den Unterricht übernehmen, ihn verantwortlich vorbereiten und durchführen. Als Coach sitze ich dann am Rande und begleite diesen spannenden Prozess. Der Schülerunterricht wurde 2010 mit dem zweiten Platz im Cornelsen-Förderwettbewerb ausgezeichnet.
„Es ist viel Arbeit und wir wurden immer besser wir wollen nur noch solchen Unterricht!, sagte ein Schüler, nachdem er sich neun Wochen darauf vorbereitet hatte, mit seinem Team seine Mitschülerinnen und Mitschüler zu unterrichten und von diesen unterrichtet zu werden. Wie kam es dazu?
Ausgangspunkt und Lernvoraussetzungen
„Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen, so wird Max Frisch oft zitiert. Diese Erfahrung konnte ich auch bei der Entwicklung des „Schülerunterrichts machen. Vor über zehn Jahren, als ich gerade Fachlehrerin u.a. für das Fach Deutsch und Klassenlehrerin einer zehnten Klasse an einem Gymnasium war, hatte ich schon zu Beginn des Schuljahres mit einer Vielzahl von Konflikten zu tun: Einige Schülerinnen und Schüler meiner Klasse hatten eine Klassenraumtür beschädigt, andere eine Schlägerei auf dem Schulhof angezettelt und viele wiesen hohe Fehlzeiten auf. Für mich als Klassenlehrerin standen viele Gespräche mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, der Schulleitung und der Sozialarbeit auf dem Programm. Diese Schülerinnen und Schüler wollten im nächsten Jahr in die gymnasiale Oberstufe übergehen? Das konnte ich mir nur schwer vorstellen, vor allem vermisste ich, dass sie Verantwortung für sich selbst, ihr Verhalten und ihren Lernprozess übernahmen. Auch den Deutschunterricht mit 18 Jungen und elf Mädchen fand ich anstrengend: Die Beteiligung war gering, Hausaufgaben wurden nur unregelmäßig erledigt, Interesse war nur bei Einzelnen spürbar.
„Wenn etwas nicht funktioniert, dann hör damit auf mach etwas ander(e)s empfiehlt die systemische Therapeutin Insoo Kim Berg (1992). Das hat mich inspiriert, und ich beschloss, den Schülerinnen und Schülern mehr zuzumuten und zuzutrauen, indem wir
  • gemeinsam Neues ausprobieren;
  • ein Experiment starten und die Lernenden von Rezipientinnen und Rezipienten zu eigenverantwortlich Handelnden werden;
  • das Klassenzimmer zu einem Lern-Labor umwandeln.
Für den Start konfrontierte ich die Schülerinnen und Schüler mit dem Übergangsprofil für die gymnasiale Oberstufe (u. a. selbstständiges Arbeiten im Umgang mit komplexen Aufgabenstellungen): „Das wird von euch erwartet, wenn ihr in der Schule weiter kommen wollt.
Um zusammen mit den Schülerinnen und Schülern dieses Defizit auszugleichen, entwickelte ich die Idee für ein Unterrichtssetting, das sich auch mit anderen Schülergruppen bewährt hat und welches sich auf andere Themen bzw. Fächer übertragen lässt: Innerhalb eines vorgegebenen thematischen und zeitlichen Rahmens entwickeln die Schülerinnen und Schüler eigenverantwortlich ein Konzept für eine Unterrichtsstunde oder Doppelstunde, das sie anschließend mit der Klasse durchführen und dann reflektieren. Auch die Konzipierung einer Lernerfolgskontrolle gehört zu ihren Aufgaben.
Auf dieses Konzept reagierten meine Schülerinnen und Schüler erstaunlich positiv und entwickelten eine Energie und Motivation, die ich ihnen so nicht zugetraut hätte.Ich habe die...

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