1. – 6. Schuljahr

Susanne Pietsch

Auf die Plätze Wechsel Los!

Seinen Platz finden und gemeinsames Lernen partizipativ gestalten

Im schulischen Alltag ist Partizipation an vielen Stellen ein zentrales Gestaltungsprinzip unseres Zusammenlebens oder sollte es zumindest sein. Wie weit Mitbestimmung dabei gedacht werden kann, ist jeweils auszuloten. Wie sieht es zum Beispiel aus mit dem Thema „neue Sitzordnung?

Wenn Unterricht auf Schüleraktivierung und soziale Vernetzung, also auf Partizipation, angelegt sein soll, sind traditionelle, frontal ausgerichtete Sitzordnungen eher ungünstig. Tischgruppen mit wechselnder „Besetzung entsprechen dagegen eher der Leistungs- und Verhaltensheterogenität und können dazu beitragen, dass die Schüler und Schülerinnen in eigener Regie lernen und gemeinsames Lernen partizipativ gestalten.
Doch partizipative Prozesse erfordern neben dem grundlegenden Interesse an gemeinsamen, gewaltfreien und fairen Lösungen vielfältige Kompetenzen: Da gilt es, miteinander kooperieren zu können, sich respektvoll zu verhalten und sich angemessen miteinander zu verständigen, soziale Regeln und Vereinbarungen müssen bekannt sein, akzeptiert und eingehalten werden und schließlich müssen Konflikte und Probleme ausgesprochen, ausgehalten und aufgearbeitet werden, damit gemeinsame Vorhaben zu den eigenen werden können und alle Beteiligten Verantwortung übernehmen: für sich selbst, für andere und für das gemeinsame Vorhaben (vgl. Schirp 2009). Im Unterrichtsalltag können diese Kompetenzen jedoch nicht vorausgesetzt werden. Sie müssen aufgebaut, ausgebaut und gefestigt werden.
Am Beispiel der wechselnden Gestaltung einer Sitzordnung wird im Folgenden nachgezeichnet, wie Kinder schon in der ersten Klasse an partizipative Gestaltungsprozesse herangeführt werden und dabei auch verdeckte, gruppendynamische Probleme sichtbar und deren Bearbeitung als Chance genutzt werden können, um Gemeinschaft gemeinsam verantwortlich aufzubauen.
„Werden wir heute wieder umgesetzt?
Das wöchentliche Umsetzen ist ein Ritual, das an vielen Schulen oft durch die Lehrkraft initiiert stattfindet. Meist entscheidet sie nach eigenen Vorstellungen oder überlässt es durch Losen dem Zufall, welchen Platz ein Kind bekommt. Werden Schüler und Schülerinnen jedoch als „Koproduzenten ihres Bildungsprozesses (Schirp 2009, S. 115) ernst genommen und damit als Konstrukteure ihres eigenen Lernens verstanden, kann das Umsetzen als gemeinsames Gestaltungsmoment innerhalb der Lerngruppe genutzt werden. Dann geht es weniger um das fremdbestimmte „Umgesetzt-Werden als vielmehr darum, die Situation des gemeinsamen Lernens miteinander zu gestalten, dabei den je eigenen Platz in der Gruppe zu finden und sich auf unterschiedlichen Plätzen mit unterschiedlichen Sitznachbarn und -nachbarinnen zu erproben.
Umsetzen ein Praxisbeispiel
Wir, das sind die Klassenlehrerin und ich als Sonderpädagogin eines Beratungs- und Förderzentrums, haben im Rahmen inklusiven Unterrichts in einer ersten Klasse das Umsetzen eingeführt und es im Laufe des Jahres ritualisiert.
„Lasst uns gemeinsam überlegen, wie ihr miteinander gut lernen könnt und wie dafür die Arbeitstische gestellt werden könnten auf diese Einladung hin nannten Schülerinnen und Schüler spontan Mitschüler, neben denen sie gerne sitzen wollten der Freundschaftsaspekt war dabei die erste Triebfeder.
Wir baten alle auf vorbereiteten Kärtchen aufzuschreiben, mit welchen zwei Mitschülern sie gerne zusammensitzen würden. Auf der einen Seite sollten sie den eigenen Namen und auf der Rückseite die Namen der beiden gewünschten Mitschüler oder Mitschülerinnen notieren. Die beschrifteten Kärtchen sichteten wir nachmittags und visualisierten das Ergebnis, um uns unterschiedliche Aspekte der Beziehungsstrukturen in der Gruppe zu verdeutlichen. Die Auswertung der soziographischen Wahlen (vgl. Moreno 1954) half, gruppendynamische Entwicklungen zu verstehen und mögliche Ausgrenzungen oder...

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