1. – 4. Schuljahr

Laura Faber

Das Kreisgespräch

Kinder beteiligen und mit ihnen über Teilhabe sprechen

Alle Schülerinnen und Schüler sind Teil einer Klassengemeinschaft, in welcher sie unter- und miteinander in Beziehung stehen. Bereits Grundschulkinder können über dieses Miteinander Auskunft geben. Aber können sie sich auch schon ausreichend in andere hineinversetzen, um verschiedene Meinungen und Handlungsalternativen zu diskutieren?

Kinder einer Grundschulklasse sitzen im Kreis und diskutieren angeregt über das Thema Inklusion: Was braucht es, damit ein Kind mit besonderem Förderbedarf sich gut entwickeln kann? Wie können alle Kinder gemeinsam gut lernen? Welche Form von Individualisierung ist pädagogisch sinnvoll? Können Lehrpersonen, aber auch Schülerinnen und Schüler der Umsetzung von Inklusion durch bestimmte Meinungen und Haltungen schaden?
Haben Sie über solche Themen schon einmal mit Ihren Schülerinnen und Schülern diskutiert? Können Sie sich vorstellen, eine solche Diskussion mit Grundschülerinnen/-schülern zu führen? Geht das überhaupt? Sind Kinder in der Lage, Fragen wie diese zu beantworten, zu reflektieren und zu diskutieren interessiert sie/Sie das? Dieser Frage bin ich mit angehenden Lehrkräften der Universität Kassel, im Rahmen meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin, nachgegangen.
Ein Fallbeispiel als Grundlage
In einem Projekt der Qualitätsoffensive Lehrerbildung1 führte ich das Seminar „Inklusive pädagogische Beziehungen durch. In diesem erhielten Studierende des Grundschullehramts Gelegenheit, nicht nur theoretisch über Kinder und ihre vermuteten Haltungen nachzudenken, sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören und Raum für Diskussionen und eigene Meinungen zu bieten. Dafür sollten sie während ihres Praxissemesters mit den Kindern ein Kreisgespräch über eine Fallgeschichte führen, in welcher es um ein Mädchen mit Lernschwierigkeiten geht, das im Unterricht an einem „Extratisch sitzt, andere Aufgaben bekommt und nicht ins Unterrichtsgeschehen mit einbezogen wird.
Vorbereitend wurden inhaltliche Themen zur Durchführung eines Kreisgesprächs mit Grundschulkindern erarbeitet (vgl. Heinzel 2012) sowie eine Gruppendiskussion durchgeführt. Hierfür wurde das Fallbeispiel, das auf der Grundlage der Texte von Tellisch (2016, 218ff.) erstellt wurde, vorgelesen:
„Melanie besucht die dritte Klasse. Melanie ist eines von drei sogenannten Integrationskindern, die zusammen an einem Extratisch sitzen, da sie leichtere und zusätzliche Aufgaben bekommen. Melanie hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und kann nicht so schnell und leicht lernen wie die anderen Kinder der Klasse. Während des Deutschunterrichts sollen alle Kinder eine Geschichte zu ihrem letzten Ferienerlebnis aufschreiben.
Die Integrationskinder bekommen eine andere Aufgabe. Sie bemerken nicht, dass die Lehrerin die Arbeit der anderen Kinder unterbricht, um von ihrem eigenen spannenden Ausflug in einen Freizeitpark zu berichten. Im Laufe ihrer sehr bildhaften Erzählung schreit die Lehrerin plötzlich auf, um ihre Angst in der Achterbahn deutlich zu machen. Melanie, die mit dem Rücken zur Lehrerin an ihrem Extratisch sitzt und weiterhin an ihren „Extra-Aufgaben arbeitet, erschreckt sich. Danach fragt die Lehrerin die Klasse, wer etwas von (s)einem Ferienerlebnis erzählen möchte. Paul weist die Lehrerin darauf hin, dass sich Melanie meldet. Die Lehrerin dreht sich erstaunt zu ihr und sagt: „Melanie, du möchtest dran kommen? Okay. Dann darfst du auch mal mitmachen.
Im Anschluss hatten die Studierenden Gelegenheit, ihre Meinungen zu der gehörten Situation zu diskutieren: Sie verschriftlichten ihre Meinungen zum Fallbeispiel und formulierten eigene Erwartungen im Hinblick auf mögliche Kindermeinungen und die Durchführung des geplanten Gesprächs.
Ein Kreisgespräch initiieren Kinder diskutieren lassen
Zum Zeitpunkt des Projekts absolvierten die Studierenden ein halbjährliches Schulpraktikum und...

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