1. – 13. Schuljahr

Helmolt Rademacher

Demokratiepädagogik in Deutschland

Eine Zwischenbilanz

Mit der Demokratiepädagogik wurde vor fast 20 Jahren ein Programm ins Leben gerufen, das einen deutlichen Kontrapunkt setzen sollte zur bestehenden Fremdenfeindlichkeit. Abgeschlossen oder gar unnötig ist dieser Prozess noch immer nicht, er bleibt dauerhafte Aufgabe gerade für Schulen und Lehrkräfte.

Demokratiepädagogik hat eine lange Geschichte, auch wenn der Begriff erst in den letzten 15 Jahren Einzug in die aktuellen pädagogischen Debatten gefunden hat. Seinen Ursprung kann man bei dem US-amerikanischen Pädagogen John Dewey verorten, der sich schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Notwendigkeit von Demokratielernen beschäftigt hat. Er schrieb schon damals: „Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung. (Dewey, nach Pogrebinschi 2018) Das weist darauf hin, dass es bei dem Lernen über Demokratie nicht nur darum gehen kann, das politische System zu verstehen wie es vornehmlich durch den Politikunterricht erfolgt sondern, dass es darüber hinaus eigene positive Erfahrungen im Alltag mit Demokratie geben muss.
Negativen Tendenzen entgegenwirken
Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Politikverdrossenheit waren der Anlass, Ende der 90er/Anfang der 2000er-Jahre, das Bund-Länder-Kommissions-Programm (BLK) „Demokratie lernen und leben aufzulegen, um diesen negativen Tendenzen entgegenzuwirken. Begründet wurde das Programm mit einer Expertise der Professoren Wolfgang Edelstein und Peter Fauser im Jahr 2001. Das Programm an dem 13 Bundesländer teilnahmen wurde schließlich mit einem Betrag von ca. 13 Millionen Euro bewilligt und konnte von 2002 – 2007 durchgeführt werden. In jedem der 13 Bundesländer wurden zehn bis 20 Modellschulen ausgewählt, die unter je unterschiedlichen Zielsetzungen (beispielsweise in Baden-Württemberg mit dem Fokus „Lernen durch Engagement Service Learning oder in Hessen mit dem Schwerpunkt „Mediation und Partizipation) Projekte durchführten, das Kollegium (weiter-)qualifizierten und/oder demokratische Schulentwicklung realisierten. Nebenher wurden in einer umfangreichen mehrjährigen Maßnahme Multiplikatoren geschult. Ergebnis dieses fünfjährigen Modellprojekts waren eine sehr große Zahl von dokumentierten Vorhaben wie „Schüler-Feedback, Mediationskonzepte für verschiedene Schulformen, Demokratietrainings, Klassenrat oder in Berlin das demokratiepädagogische Konzept „Hands for kids. Als Folge des BLK-Programms hat bundesweit insbesondere der Klassenrat ab der 1. Klasse eine große Verbreitung gefunden.
Ein weiteres sehr wichtiges Ergebnis des BLK-Programms „Demokratie lernen und leben ist der umfangreiche „Qualitätsrahmen Demokratiepädagogik. Dieser Rahmen mündete in den „Merkmalskatalog Demokratische Schulentwicklung (s. Kasten u. Toolbox M1). Damit ist ein wichtiges Instrument demokratischer Schulentwicklung entstanden.
Das BLK-Programm löste nach seinem Beginn eine Kontroverse zwischen einzelnen Politikdidaktikern und Demokratiepädagogen aus, die aber mittlerweile mehr oder weniger verklungen ist, auch wenn es immer mal wieder Spitzen gegen die Demokratiepädagogik gibt. Die Kontroverse bezog sich darauf, dass Vorformen des demokratischen Lernens, wie sie z.B. im Klassenrat zu finden sind, nicht zur politischen Bewusstseinsbildung beitragen würden. Es war vermutlich aber auch eine Verärgerung bei einzelnen Politikdidaktikern, dass sie nicht an der Expertise des BLK-Programms beteiligt wurden. Mittlerweile gibt es aber einen fruchtbaren Dialog zwischen Demokratiepädagogik und politischer Bildung. Etliche Politikdidaktiker haben von Anfang an das BLK-Programm konstruktiv begleitet und dabei besondere Akzente gesetzt. Beispielsweise hat Gerhard Himmelmann drei Ebenen des Demokratielernens herausgestellt: Demokratie als Lebens-, Gesellschafts- und...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen