1. – 4. Schuljahr

Tobias Heinrich | Susanne Pietsch

„Ich will eigentlich lieber bei meinen Mitschülern sein!

Mein Fall
Leon, ein Schüler mit ADHS, besucht die dritte Klasse. Als Schulassistent bin ich für ihn verantwortlich. Am ersten Tag treffe ich nicht nur auf Leon und seine Klasse, sondern auch auf seine Mutter: Sie ist in der ersten Stunde im Unterricht dabei. Auf mich macht sie einen strengen Eindruck. Die erste Stunde verläuft ruhig, Leon verhält sich unauffällig. Als seine Mutter die Klasse verlässt, ändert sich das Klima im Klassenraum. Leon wird unruhig, beschäftigt sich nicht mehr mit seinen Aufgaben und beginnt, andere Schülerinnen und Schüler abzulenken, indem er sie anspricht, ihre Sachen wegnimmt oder mit seinem Lineal auf deren Tisch klopft. Die Lehrerin ermahnt ihn, leise zu sein, seine Mitschülerinnen und Mitschüler in Ruhe zu lassen und weiterzuarbeiten. Dennoch kommt es im Verlauf der Stunde immer wieder zu Reibereien mit einigen Mitschülern, die sich von Leon gestört zu fühlen scheinen. Sie äußern abfällige Bemerkungen darüber, dass Leons Mutter seinetwegen in die Schule kommen musste. Vereinzelte Schüler finden Gefallen daran, Leon zu provozieren und damit in Schwierigkeiten zu bringen die ersten Schimpfwörter wie „Hurensohn oder „Wichser fallen.
Die Zurechtweisungen durch die Klassenlehrerin werden energischer und wütender. Um die Situation zu entschärfen, will sie Leon an einen Einzeltisch außerhalb der Tischordnung setzen. Später erklärt sie mir, dass er sich besser konzentrieren könne, wenn er aus dem Blickfeld und der Reichweite anderer Schülerinnen und Schüler herausgenommen würde. Als Leon sich weigert, versucht die Lehrerin, seinen Tisch aus dem Tischgefüge herauszuziehen. Leon wehrt sich, hält den Tisch fest und haut nach den Händen seiner Klassenlehrerin, die ihm wütend droht: „Entweder du lässt die anderen in Ruhe arbeiten oder du gehst an den Einzeltisch. Nach einem kurzen Moment zerknittert Leon seine Arbeitsblätter und wirft sein Federmäppchen durch die Klasse.
Die Klassenlehrerin und Leon schreien sich gegenseitig an: „Hör auf, dich so zu benehmen, droht die Klassenlehrerin „Halts Maul, entgegnet Leon. „Du fliegst gleich aus der Klasse, kündigt die Lehrerin an, was von Leon mit „Verpiss dich, Wichser beantwortet wird. In diesem Moment erscheint der Förderlehrer im Klassenraum. Er weist mich an, mit Leon auf den Schulhof oder besser Spielplatz zu gehen, möglichst weit weg vom Schulgebäude, da man das Geschrei überall hören könne. Wenn er sich beruhigt habe, sollten wir wiederkommen. Leon erscheint mir trotzig und kurz vor dem Weinen. Er verlässt den Klassenraum und ich folge ihm, um sicherzustellen, dass er nicht wegrennt. Erstmals komme ich ins Gespräch mit Leon. Er spricht noch nicht viel, aber ein Satz bleibt hängen: „Eigentlich will ich lieber bei meinen Mitschülern sein.
In den folgenden Tagen schlägt Leon mit einer Schere in der Hand nach seiner Klassenlehrerin, woraufhin er vom Förderlehrer wie in einem Ringkampf auf den Boden gedrückt und aus der Klasse geschleift wird. Als Konsequenz wird er für ein paar Tage von der Schule beurlaubt und ich werde damit beauftragt, ausgewählte Aufgaben mit ihm zu Hause zu bearbeiten. Auch wenn das Arbeiten dort besser funktioniert als in der Schule, bleiben bei mir ein bitterer Nachgeschmack und viele Fragen:
Welche Bedürfnisse des Schülers wurden hier übergangen und welche Bedürfnisse standen für die Lehrerin im Vordergrund?
Wäre die Situation eines abseitigen Arbeitsplatzes auch unter seiner Einwilligung in der Gruppe gerechtfertigt?
Wem nützt die Beurlaubung mehr der Lehrerin oder dem Kind?
Wen habe ich als Schulassistenz wirklich unterstützt die Schule oder das Kind?
Darf eine Schulassistenz überhaupt damit beauftragt werden, einen Schüler zu Hause zu unterrichten?
Tobias Heinrich studiert seit 2013 in Kassel Lehramt an Grundschulen mit den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Von 2011 bis 2012 hat...

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