3. – 10. Schuljahr

Regina Heil | Nikola Poitzmann

Von Peers gebaute Brücken sind leichter zu passieren

Streitschlichterinnen und Streitschlichter unterstützen konstruktive Konfliktbearbeitung

Zwei zerstrittene Parteien an einen Tisch zu bekommen, kann auch unter Erwachsenen schwierig sein. Damit eine Mediation beiden Seiten nützt, muss ein Vertrauensverhältnis bestehen oder aufgebaut werden. Zwischen Schülerinnen und Schülern besteht dieses Vertrauen häufig ohnehin schon, weil man sich auf Augenhöhe begegnet. Dies ist eine nützliche Ausgangssituation für Streitschlichtungsgespräche.

Lisa und Anna sind befreundet. Doch Anna stört es seit einiger Zeit, dass Lisa immer wieder Stifte und andere Utensilien ungefragt aus ihrem Mäppchen nimmt. Als ihre Freundin diesmal nach dem neuen Regenbogenfarben-Radiergummi greift, platzt Anna der Kragen: „Es reicht mir. Bring gefälligst deine eigenen Sachen mit. Lisa ist überrascht und im nächsten Moment auch wütend. Anna darf ihre Materialien doch auch benutzen, wenn sie möchte. So lautstark und vor allen anderen hätte Anna sie nicht angreifen dürfen. Lisa packt ihre Sachen und setzt sich neben eine andere Klassenkameradin.
In den nächsten Tagen gehen sich die Mädchen aus dem Weg; jedoch leiden beide sehr unter dem Streit. Lisa fasst sich ein Herz und fragt Anna: „Du, wollen wir mal zusammen zu unseren Streitschlichtern gehen? Vielleicht könnten die uns helfen. Anna nimmt das Angebot gern an. Sie will sich wieder mit ihrer Freundin vertragen, möchte aber auch, dass Lisa ihre Sicht hört und versteht. Außerdem hat sie Vertrauen in die ungefähr gleichaltrigen Streitschlichterinnen1 und Streitschlichter an ihrer Schule, weil sie weiß, dass diese sich auf keine Seite schlagen werden.
Lösung von Alltagskonflikten unter Kindern und Jugendlichen ohne die Einmischung von Erwachsenen wird an vielen Schulen erfolgreich gelebt. Streitschlichterinnen und Streitschlichter unterstützen ihre Peers durch empathisches Nachfragen darin, bei einem Konflikt die Hintergründe, Interessen und Gefühle beider Seiten zu beleuchten und durch gegenseitiges Zuhören die andere Sichtweise zu verstehen. Im Idealfall einigen sich die beiden Konfliktparteien dann auf eine gemeinsame, eigene Lösung. Schon der persische Mystiker Rumi stellte im 13. Jahrhundert fest: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns. (Rosenberg 2003) Auf dem Weg dorthin können Streitschlichterinnen und Streitschlichter die beiden Streitenden durch gutes Moderieren begleiten. Elementar für diese Gespräche ist Lösungsabstinenz, d.h. sich selbst zurückzuhalten und keine Ratschläge zu geben. Eine elfjährige Streitschlichterin der Frankfurter Ernst-Reuter-Schule II erklärt das anderen Schülerinnen und Schülern folgendermaßen: „Wir sagen euch nicht die Lösung, wir helfen euch, eine zu finden.
Vom Angebot der Peer-to-Peer-Streitschlichtung profitieren aber nicht nur die jeweiligen Konfliktparteien, sondern langfristig die ganze Schulgemeinde. Schülerinnen und Schüler von der Grundschule bis zur Oberstufe lösen viele Streitigkeiten unter sich, wodurch auf der einen Seite der Peer-to-Peer-Gedanke gestärkt wird und auf der anderen Seite Lehrkräfte entlastet werden. Aktive Streitschlichterinnen und Streitschlichter tragen zu einer veränderten Konfliktkultur bei und können die Anzahl der eskalierenden Konflikte reduzieren.
Konfliktbearbeitung und Mediation praktisch erproben
Um angemessen und mit sicherem Handwerkszeug zu Konfliktlösungen beitragen zu können, durchlaufen Streitschlichterinnen und Streitschlichter an den meisten Schulen eine Ausbildung, in der sie die Grundkenntnisse von Konfliktbearbeitung und Mediation vermittelt bekommen, (z.B. in Anlehnung an Kurt Faller, Christoph Besemer oder Jamie Walker, s. Walker 2001 und Toolbox M8). Beispielsweise orientieren sie sich an den fünf Phasen der Mediation nach Kurt Faller.
1. Phase:Einleitung
2. Phase:Sichtweise der einzelnen Konfliktparteien
3. Phase:Kon...

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